KRITIKEN
HISPANORAMA, Christel Wollmann-Fiedler
Karin Kaper und Dirk Szuszies sind unabhängige Berliner Kinodokumentarfilmer.
Mit ihren beiden letzten preisgekrönten Filmen „Wir sind Juden aus Breslau“ und „Walter Kaufmann - Welch ein Leben!“ leisteten sie einen wertvollen Beitrag im Kampf gegen Antisemitismus und rechtsextreme Strömungen. Nun erfüllt sich das erfahrene Regie-Duo einen langgehegten Herzenswunsch.
Ab dem 15.10.2026 startet bundesweit ihr neuer Film „La Graciosa - Kanarische Träume“ nur in Kinos. Bereits seit 1994 verbrachten die Regisseure immer wieder längere Zeit in Caleta de Sebo, dem einzigen, von kaum mehr als 700 Menschen ganzjährig bewohnten Dorf der kleinsten kanarischen Insel. Diesen beeindruckenden Bewohnern setzt die Dokumentation ein berührendes filmisches Denkmal.
Karin Kaper und Dirk Szuszies präsentieren keinen gewöhnlichen Reisefilm, der sich mit aneinandergereihten oberflächlichen Eindrücken begnügt. Bereits am Anfang des Films, der die Ankunft der Regisseure im Hafen von La Graciosa zeigt, wird dem Zuschauer bewusst, dass zwischen den Filmemachern und den zahlreichen Mitwirkenden des Dorfes eine respektvolle Beziehung besteht. Auf dieser winzigen Insel, wo Erinnerung und Gegenwart in einem empfindlichen Gleichgewicht nebeneinander existieren, entsteht ein menschliches, historisches und soziales Porträt, das aus vertrauensvoller Nähe heraus entstanden ist.
Mit wohldosierten Kommentaren werden die Regisseure selbst zu Akteuren im Film. Ihre gelungene Absicht ist es, mit geduldiger Aufmerksamkeit das filmisch einzufangen, was gewöhnlich unbemerkt bleibt: das Alltagsleben, das die Gemeinschaft trägt, die Spannungen, die sich hinter dem schönen Schein verbergen, und die Schönheit, die selbst im Zerbrechlichsten fortbesteht. So dringt der Film in tiefste Schichten vor: in familiäre Bindungen, noch offene Wunden und einer Identität, die sich wandelt, unter dem ständigen Risiko, die Wurzeln zu verlieren. Im Film wird der dramatische Wandel von einem einst armen Fischerdorf, in dem jeder jedem half, hin zu einer immer mehr vom Tourismus dominierten Gemeinschaft sinnlich erfahrbar. Protagonisten, die sich für den Umweltschutz auf der Insel einsetzen, sind den Angriffen derjenigen ausgesetzt, für die alle Einnahmequellen legitim sind.
La Graciosa ist als Mikrokosmos ein eindringliches Beispiel dafür, wie gefährlich ein zunehmender Massentourismus für das Zusammenleben der Menschen ist. Der Film geht aber weit über diesen Aspekt hinaus. Starke Frauen spielen eine wesentliche Rolle, ebenso Menschen, die sich in La Graciosa verliebt und dort niedergelassen haben. Auch viele andere Themen klingen an wie Musik, Klimawandel, Kultur, gesellschaftliches Leben, Familienleben, Traditionen und Politik – gewürzt mit einem Hauch von Poesie.
Großartige Kameraaufnahmen sowie Musikkomposition und Sounddesign schließlich machen „La Graciosa - Kanarische Träume“ zu einem mehr als empfehlenswerten Kinogenuss.